Manches ist so offensichtlich, dass es scheinbar nur die wenigsten wahrnehmen: Wikis sind nicht das Allheilmittel fuer alle Probleme. Es gibt etwas, das geht mit Wikis sehr gut: Vorhandene Information zusammentragen.
Aber diese Informationen dann zu ordnen ist schon deutlich schwieriger. Und da nicht jedes Wiki Enzyklopaeischen Charakter hat ist Ordnung meist eine recht nette sache. Viel zu leicht ist es Sachen ins Wiki unfertig hineinzuwerfen, und viel zu schwer die unfertigen Informationsfragmente die sich nach einiger Zeit im Datengrab Wiki sammeln zu strukturieren und auszuwerten. Wikigaredning ist ein undankbarer Job. Damit das Sinnvoll geschieht muss man schon jemanden bezahlen, oder jemanden mit sehr ausgefallenen Vorlieben finden.
Das
Metalab Wiki ist da so ein Fall. Die Frontseite und der Terminplan sind meistens gut gewartet. Diese Informationen sind fuer fast jeden wichtig. Demzufolge ist der Terminkalender gut verlinked, gut gewartet und die Hauptseit nett anzusehen. Der Rest ist nicht so toll. Entwender sind die Informationen veraltet oder einfach nicht verlinkt. Wer sich erinnern kann, dass "es da mal so eine Seite zu disem oder jenem Thema gab" ist bei der Stichwortsuche schon mal klar im Vorteil. Die Anderen sterben eben uninformiert.
In vielen Projekten, in die ich involviert bin, ist ein Wiki die zentrale Sammelstelle fuer Informationen. Die meisten relevanten Informatioen zu diesen Projekten finde ich in zwischen aber eher in meinen E-Mail Archiven..
Besonders bloed ist es meistens dort wo das Wiki auch zur Kommunikation zur Aussenwelt verwendet wird - wie das z.Bsp. beim Metalab oder auch bei ROCK Linux der Fall ist: Mediawiki als CMS.
Sowas ist in der Regel von zwei sich abwechselnden Phasen bestimmt: Die "wir machen jetzt alles neu"-Phase in der einige Entusiasthen beschliessen das Wiki aufzuraeumen und klar zu strukturieren. Diese Phase endet in der Regel damit, das sich irgendwann Leute an dem Projekt beteiligen, die alles Verschlimmbessern, bis alle sehr Frustriert sind und sich wieder den elementaren Fragen des Lebens zuwenden. Dann bleibt ein halb umstrukturiertes Wiki liegen in das die Leute im Anlassfall was dazutragen - meistens nur indem sie eine neue Seite anlegen - sich aber wenig gedanken darueber machen wie jemand diese Seiten denn finden koennte... Informationen finden doppelt und dreifach ihren Weg ins Wiki und liegen schliesslich in zig verschiedenen sich z.T. gegenseitig widersprechenden Varianten auf unterschiedlichen Seiten wieder.
Ich bastle gerade fuer
das ROCK Linux Wiki an einem MediaWiki-Template plus SPL-Script um die Seiten hierachisch zu ordnen und eine Sitemap autozugenerieren. Mal sehen ob das langfristig was bringt. Wenigstens haette man so dann ein Debug-Tool um schlecht oder gar nicht verlinkte Seiten leichter zu finden.
Wirklich schlimm wird es dann, wenn Leute versuchen ein Wiki nicht zum zusammentragen von Informationen sondern zum Diskutieren zu verwenden: Jeder traegt ein und aendert wie er glaubt und am schluss wird sich schon eine Loesung finden. "Wir machen das einfach Wiki-Style" ist ein Satz bei dem ich inzwischen die Waende hochgehen koennte. Das ist etwa so wie bei den Menschen die einem das Wort "Agile Programming" um die Ohren werfen wenn man sie auf Ihren grauenhaft strukturierten und voellig unwartbaren Programmcode anspricht..
Wenn ein Thema auf einer Mailing-Liste disskutiert wird dann, gibt es fast immer Leute die voellig unqualifizierten Schwachsinn zu dem Thema (und vielen anderen Dingen die nie Thema waren) aeussern muessen. Das gute ist: Irgendwann ignorieren die meisten anderen Listenteilnehmer das dann einfach und so loesst sich das Problem von selbst. In einem Wiki ohne Moderator, der auch mal radikal aufraeumt und sich damit sicher nicht beliebt macht, bleiben aber irgendwann die intellektuellen Kurzschluesse dieser Personen stehen weil sich einfach keiner mehr findet der die Energie hat das wieder gerade zu biegen und sich danach der obligaten Diskussion mit dem Verfasser der Aenderung zu stellen.
Statt dessen finden sich aber umso schneller einige Wiki-Hilfssherrifs die nach dem Vorbild vonJohann Balhorn hier und da was aendern, sich aber selten Gedanken ueber das "Big-Picture" machen. So kommt es dann, dass es zwar viele Seiten aber kaum uebergreiffende Strukturen gibt, denn fuer diese fuehlt sich ja keiner zustaendig. Der altbekannte Effekt, dass Menschen dazu neigen Dinge die sich nicht verstehen fuer unwichtig zu halten, verleiht diesem Prozess noch etwas zusaetzliche Wuerze..
Anarchie mag als Idee ja recht nett sein, aber mit den Worten von Pierre Joseph Proudhon: „Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft“. Wer einfach nur die Herrschaft weglaesst ohne sich ueber die Ordnung gedanken zu machen, der hat bei der ganzen Sache etwas wesentliches nicht verstanden..